David Lynch, Filmemacher– F.Giebichenstein

David Lynch ist der einzige Regisseur, bei dem man nach dem Abspann nicht aufstehen mag. Man bleibt sitzen, als hätte man gerade einen Unfall überlebt, den man selbst verschuldet hat. Peter Greenaway nennt ihn den bedeutendsten nordamerikanischen Filmemacher überhaupt. Stanley Kubrick sagte, Eraserhead sei der einzige Film eines anderen Regisseurs, bei dem er selbst gern Regie geführt hätte. Beide übertreiben nicht. Lynch hat die Bilderwelten des 20. und 21. Jahrhunderts so gründlich kontaminiert, dass heute kein Werbespot, kein Musikvideo und keine Abschlussarbeit an deutschen Filmhochschulen ohne sein giftiges Erbe auskommt. Und doch bleibt er ein Fremdkörper im System Hollywood: kommerziell meist ein Misserfolg, künstlerisch ein Erdbeben.
Man nennt ihn oft Surrealisten. Das ist nur die halbe Wahrheit. Buñuel und Godard mögen Vorläufer sein, aber Lynch ist kein Traumdeuter – er ist ein Irrealist. Jean Cocteau hat es einmal so gesagt: Das Irreale folgt strengeren Gesetzen als der Realismus, weil es die Gewohnheit nicht auf seiner Seite hat. Deshalb verlangt es außerordentliche Genauigkeit im kleinsten Detail. Genau diese Genauigkeit ist Lynchs Obsession. Er filmt wie ein Maler, der jeden Pinselstrich dreimal überlegt, und er tönt wie ein Komponist, der weiß, dass ein falscher Akkord die ganze Hölle zerstört.
Amerika kommt bei Lynch nicht gut weg. Bis auf die beiden Ausnahmen Der Elefantenmensch und Eine wahre Geschichte ist sein Amerika eine posthumane Kloake, in der Sozialdarwinismus und natürliche Auslese regieren. Der amerikanische Traum ist nur noch Alptraum. Seine Figuren sind umherirrende Verzweifelte, deren Schicksale sich in der Weite dieses monströsen Landes verflüchtigen. Nach einem Lynch kann man nicht einfach ins Bett gehen, genauso wenig wie nach einer Wagner-Inszenierung. Die Bilder, die Musik, das Gesehene wirken nach wie ein Fieberschub.

Eraserhead, 1980, F.Giebichenstein

Gewalt
Die Kritik wirft ihm seit jeher die Ästhetisierung der Gewalt vor. Der Vorwurf ist berechtigt und gleichzeitig komplett daneben. Denn die Gewalt bei Lynch hat mit der von Scorsese, Tarantino oder Michael Mann nichts zu tun.
Scorsese und Tarantino sind Kolonialwarenhändler in Sachen Film. Sie inszenieren zeitgenössische Western, in denen Probleme immer noch am O.K. Corral gelöst werden. Ihre Gangster sind zynische, kalte Rebellen, die sich gegen die moderne Welt auflehnen und dabei doch nur die alten Mythen recyceln. Ihre Gewalt ist Event, Feuerwerk, mit fetzigen Schlagern unterlegt, letztlich Unterhaltung. Lynch zeigt Gewalt als wesensimmanent und verschüttet. Seine Psychopathen – Frank Booth, Bobby Peru, Mister Eddy – sind keine Gangster, sondern Freaks, die die Mechanismen ihrer Umwelt nicht begreifen. Sie sind in die Welt geworfene Geschöpfe, die nur Zerstörung bringen können, weil sie selbst zerstört wurden. Deshalb ekelt einen Lynchs Gewalt an, während man bei Tarantino applaudiert. Lynch sucht noch nach Sinn, wo die anderen längst aufgegeben haben.

David Lynch, F.Giebichenstein

Vom Kurzfilm zum Albtraum

Geboren 1946 in Missoula, Montana, als Sohn eines Forstwissenschaftlers, zog Lynch als Kind ständig um – eine ruhelose Kindheit, die sich später in der Dynamik seiner Filme spiegeln sollte. Über Malerei, Fotografie und Animation fand er 1977 mit Eraserhead zum Kino. Der Film, fünf Jahre lang in Nachtarbeit gedreht, ist ein schwarzes Loch aus Industrierauschen und deformierten Babys. Henry Spencer lebt in einer Welt aus Dampf, Schlamm und einem nie verstummenden Grundton, der einem die Schädeldecke hebt. Das Baby – eine Art lebendiger Darm mit Lammkopf – ist bis heute eine der verstörendsten Kreaturen der Filmgeschichte. Eraserhead ist kein Film, sondern eine Erfahrung. Ein ästhetischer Schock, wie Antonin Artaud ihn forderte.

Mel Brooks sah den Film und engagierte Lynch sofort für Der Elefantenmensch (1980). Ein klassisch erzählter Film, acht Oscar-Nominierungen, und doch schon erkennbar Lynch: die deformierte Schönheit, die Liebe im Abgrund.

Dann kam Dune (1984) – ein Auftragswerk, das Lynch hasste und das die Kritik bei Erscheinen zerriss. Heute wird der Film langsam als barockes Meisterwerk rehabilitiert, aber Lynch distanzierte sich zeitlebens. Der wahre Lynch begann erst danach.

Der Elefantenmensch, 1980 – FG

Blue Velvet (1986)
Die Kamera fährt ins Gras, ins Ohr, in die Dunkelheit. Lumberton, scheinbar idyllische Kleinstadt, weiße Gartenzäune, Feuerwehrkapelle. Und darunter: Frank Booth, verkörpert von einem entfesselten Dennis Hopper, der Lachgas schnüffelt und „In Dreams“ brüllt, während er vergewaltigt. Lynch zeigt den Einbruch des Bösen ins Normale. Die Gewalt ist nicht cool, sie ist ekelhaft intim. Das abgeschnittene Ohr im Gras ist das Tor zur Hölle, und wir kriechen freiwillig hinein.
Wild at Heart (1990) gewann in Cannes die Goldene Palme, Twin Peaks (1990–91 plus Fire Walk with Me 1992) wurde zur Popkultur-Besessenheit. Doch der radikalste Bruch kam 1997.

Die Kammern des Todes, F. Giebichenstein

Lost Highway

Zeit und Raum werden zur Möbiusschleife. Fred Madison verwandelt sich in Pete Dayton, oder auch nicht. Anfang und Ende sind dasselbe Band, das sich selbst frisst. Anders als Tarantino, der in Pulp Fiction nur Kulissen schiebt und Applaus will, operiert Lynch hier am offenen Gehirn des Zuschauers. Es gibt kein Entrinnen. Der Film ist ein geschlossener Kosmos aus Neon, Rauschen und Identitätsverlust – Vorläufer von Mulholland Drive.

Killerbob, Twinpeaks 1990 – F. Giebichenstein

Mulholland Drive (2001)

Ursprünglich Pilot für eine Serie, dann zum Film umgebaut, ist Mulholland Drive Lynchs Meisterstück. Hollywood als Traumfabrik, die Träume frisst. Die ersten zwei Drittel sind ein strahlender Albtraum in Pastell, das letzte Drittel die gnadenlose Abrechnung. Wieder Identitätsverlust, wieder Möbiusschleife, wieder das Gefühl, dass hinter der Fassade nur Leere ist. Cannes-Preis für die beste Regie 2001, völlig verdient.

Amerika, F. Giebichenstein

Inland Empire (2006)

Drei Stunden mit billiger Digitalkamera gedreht, ein fiebriger Fiebertraum über Schauspiel, Identität und polnische Hasen-Sitcoms. Lynch ließ sich treiben – und nahm uns mit in den Abgrund. Sein letzter Kinofilm, danach kam nur noch die dritte Staffel Twin Peaks (2017), die alles vorherige in den Schatten stellte.

David Lynch, Dennis Hopper, F. Giebichenstein

Klangwelten
Man kann Lynch nicht denken ohne Angelo Badalamenti. Seit Blue Velvet sind sie unzertrennlich. Badalamenti vertonte fast alles (nur Eraserhead nicht), und zusammen mit Tondesigner Alan Splet schufen sie eine Klangwelt, die wichtiger ist als die Bilder. Das tiefe, bedrohliche Rauschen, das durch fast jeden Film zieht – mal wie ein Herzschlag, mal wie ein außerirdischer Sturm. Feuer, Neonlicht und dieses Rauschen sind die heilige Dreifaltigkeit Lynchs. Dazu die Songs: „In Dreams“, „Blue Velvet“, „Llorando“ – immer leicht verstimmt, immer entfremdet. Lynch benutzt Pop nicht, um cool zu sein, sondern um Entfremdung zu zeigen. Die Menschen in seinen Filmen kennen die Schönheit der Musik nicht mehr, sie kennen nur noch ihre Parodie.

Der Wüstenplanet, 1984 – F. Giebichenstein

Fazit
Lynch zeigt uns das Leben in all seiner kreatürlichen Armseligkeit und Brutalität. Seine Protagonisten sind Reisende nach Eleusis, die nie ankommen. Es gibt nichts Rettendes, keine Erlösung, keine Gnade. Nur das neonfarbene Kulissen, in denen sich das Grauen ausbreitet wie ein Ölteppich. Und doch ist genau das seine Größe. Lynch ist gefährlich, denn nach Cocteau ist alles Geniale gefährlich. Er zwingt uns, in den Abgrund zu schauen – und festzustellen, dass der Abgrund zurückschaut – und dabei „Blue Velvet“ summt.
Seine Bilder sind voller Symbole, aus denen sich das Phantastische seinen Weg bahnt. Diese Symbole sind voller Tod, Hässlichkeit und Trostlosigkeit. Und trotzdem kann man nicht wegsehen. Denn irgendwo, ganz tief unter dem Rauschen, flackert noch etwas, das fast wie Hoffnung aussieht. Aber nur fast.

Eeaserhead, 1980 – F. Giebichenstein

Literaturverzeichnis
Cocteau, Jean: Kino und Poesie, Ausgewählt von Klaus Eder. Carl Hanser Verlag München 1979Tarkowskij, Andrej: Die versiegelte Zeit, Ullstein Verlag , Berlin 1984
Müller, Heiner: Krieg ohne Schlacht – Leben in zwei Diktaturen Kiepenheuer & Witsch, Köln 1992
Georg Seeßlen: Der Asphalt Dschungel –Mythologie des Gangster-Films Rowohlt Verlag, Hamburg 1977
Sloterdijk, Peter: Weltfremdheit Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993
Fischer, Robert: David Lynch – Die dunkle Seite der Seele Wilhelm Heyne Verlag, München 1992

Posted in ,